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Die Familie packt an

Von Christian Elsaesser
Anhänger aus ganz Deutschland setzen die Eissporthalle instand. Anlass für einige Gedanken über den Sport, seine Fans und seine Funktionäre.

Halle/MZ. 

Gerüche können etwas Magisches haben. Mancher Wissenschaftler ist inzwischen sogar überzeugt, dass die Nase für stärkere Erinnerungen sorgt als jedes andere Sinnesorgan. So gesehen hätte am vergangenen Wochenende der Blick hinein in die Eissporthalle gar nicht notgetan. Denn was sich rund um die Arena am Gimritzer Damm in den letzten Wochen abgespielt haben muss, empfängt den Besucher schon auf gehörige Entfernung: ein muffiger Geruch, diese unangenehme Mischung aus Feuchtigkeit und modriger Fäule.

Säuberung der Eisfläche

Säuberung der überschwemmten Spielfläche   (BILD: Eckehard Schulz)

Der Blick hinein hat sich trotzdem gelohnt. Nicht nur, um die massiven Schäden zu begutachten, die das Hochwasser der Saale angerichtet hat. Viel wichtiger ist das, was diese Flut eben auch im Schlepptau hat.

Die Saale Bulls, Halles Drittliga-Eishockey-Team, haben Besuch von Anhängern anderer Vereine: aus Frankfurt, aus Kassel, vom deutschen Meister aus Berlin. Vor allem aber aus Leipzig, von den Fans der Icefighters, die man getrost als Erzrivalen der Hallenser bezeichnen darf.

Knapp 180 Helfer aus der ganzen Republik haben sich also eingefunden. Freiwillige, die ihr Wochenende damit verbringen, einem in Not geratenen sportlichen Konkurrenten zu helfen. „Wenn ein Verein von einer solchen Naturkatastrophe betroffen ist, dann muss man doch helfen“, sagt etwa Kevin aus Leipzig. Und seine Mitstreiterin Christiane ergänzt: „So etwas gibt es nur im Eishockey. Unsere Sportart hat noch etwas Familiäres.“

Erbitterter Funktionärsstreit

Vielleicht ist das tatsächlich der schlauste Satz, den man zu diesem Schauspiel sagen kann. Denn dieser Sonnabend an der Eissporthalle ist doch weit mehr als eine Aktion, um irgendeine Sporthalle trockenzulegen. Er setzt einen Kontrapunkt zu dem, was die Sportart Eishockey gerade an anderer Front erlebt. Seit Monaten schwelt ein erbitterter Funktionärsstreit, der inzwischen so eskaliert ist, dass neun Zweitliga-Vereine vom Deutschen Eishockey-Bund zu Aussätzigen erklärt wurden, weil sie nicht in einer vom Verband organisierten zweiten Liga spielen wollen. Und was machen die Vereine im Angesicht des drohenden Banns? Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, lassen sich nicht auseinanderdividieren, weil sie wissen, dass Funktionäre, die neun Vereine rauswerfen, alles andere als Stärke dokumentieren.

Ein Dankeschön-Plakat

Mit einem Dankeschön-Plakat empfängt Saale-Bulls-Präsident Daniel Mischner (vorn) die Helfer aus ganz Deutschland.   (BILD: Eckehard Schulz)

Zurück also nach Halle. Hier packt die Basis an, die – bei aller Rivalität – in der Not die Gemeinsamkeit zum Maßstab des Handelns erhebt. Das ist tatsächlich die Grundphilosophie, nach der eine Familie funktioniert. Und so zementiert sich in einer muffigen, dem Ruin nahen Sport-Arena das paradoxe Bild einer ganzen Sportart: an der Spitze völlig kaputt, an der Basis aber lebendiger denn je.

Und der Fußball?

Es muss also jene Frage kommen, die die Leipziger Fans auf Arbeitseinsatz in Halle nur mit einem fast gleichmütigen Lächeln nehmen: Wäre dieser Einsatz für das Wohl des ärgsten sportlichen Rivalen auch im Fußball denkbar?

Die Antwort erübrigt sich, denn sie wird seit geraumer Zeit Woche für Woche gegeben. Mit Bengalos, Randale, Bannern oder Hass-Gesängen. Und auch dabei verfestigt sich ein Bild. Eines, das geradezu perfekt kopiert ein Eishockey-Abziehbild ist – nur in Kontrastfarben. Der Fußball ist hierzulande die Sportart, die auf Funktionärsebene Maßstäbe setzt. Ligen und Verbände, trotz aktuell zu vernehmender Misstöne, arbeiten Hand in Hand. Dabei ist nicht zuletzt ein Ausbildungssystem entstanden, das den deutschen Fußball weltweit zur sportlichen Nummer eins hat werden lassen. Und auf der anderen Seite steht die Basis, stehen die Fans, die vehement einfordern, als Teil des Ganzen gehört zu werden. Was fraglos dringend nötig wäre, nur dass eben diese Fans das Gegeneinander zum Dogma ihres Denkens deklariert haben – und nicht merken, dass sie genau das für jeden politischen Diskurs disqualifiziert.

Was also kann bleiben von diesem Gipfel der Solidarität, den die Eishockey-Basis in Halle hat stattfinden lassen?

Man hätte sich eigentlich nur noch zweierlei gewünscht: einen deutschen Eishockey-Präsidenten und viele Fußball-Fans aus der ganzen Republik, die erleben, welche Dynamik und welches Zusammengehörigkeitsgefühl der Muff einer zerstörten Eissporthalle freisetzt. Über Friedrich Schiller hält sich die Legende, er habe nur dichten können, wenn er den Gestank eines faulen Apfels gerochen habe.

Sage also noch einer, dass aus modrigem Geruch keine Botschaften entstehen können.

 

Quelle


    Dezember 2017
MDMDFSS
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